Auslage
Dort wie ich jetzt bin, höre ich nur den Lärm der Autos. Oszillierend auf nasser Fahrbahn. Motoren, die immer gleich klingen, wenn die Ampel rot ist. Die immer gleich klingen, wenn die Ampel grün wird. Auch jetzt, wo Männer in grellen Overalls die Markierung erneuert haben. Ein neuer Zebrastreifen über einem alten Zebrastreifen. Für die Autos gibt es Pfeile aus stinkendem Weiß, die ihnen vorschreiben, wo sie lang fahren dürfen.
Quer über den Zebrastreifen, über den die Betrunkenen torkeln. Und Ameisen. Ich stelle mir vor, diese Tötungshierarchie umzudrehen. Ameisen, die ein Auto zu Brei trampeln. Bilder aus anderen Welten.
So versuche ich die Momente zu verdrängen, in denen der Alltag in mich kriecht. Wie er mir jede Sekunde zeigt, dass ich meine Zeit abwarte. Absitze. Abliege. Abwälze. Und wie ich noch mehr Zeit damit verbringe, die Erinnerungen hoch zu halten. Immer wieder Bilder zeichne, damit ich meine Verzweiflung überlebe. Den warmen Atem der Dogge, die sich in der Wohnung zu meinen Füßen legte, die nicht meine Wohnung war. Ruhig und feucht schnaufte sie mir auf den Handrücken und ihr Brustkorb hob sich jedes mal und war gleich voller Leben.
Es ist noch nicht lang her. Nur zu lang.
In der Auslage tanzt von Zeit zu Zeit diese schöne Frau vor mir, die trotz all des Zigarettenqualms noch duftet. Nach irgendwas. Nach einem anderen Leben. Und ich konnte tief Luft holen zum zuckenden Beat und alles was jetzt da ist, war dort ganz weit weg.
Aber ich will in keiner Welt leben, von der ich mich täglich entfernen will. Ich will früh aufstehen und auf gute Tage hoffen. Ich will nicht jede Nacht aufs neue fliehen müssen.
Luca’s Tasten klappern wie die Regentropfen in der Dachrinne. Tiptapping. Marschklavier zum Verlieben. Wenn ich die Augen schließe, dreht sich alles. Und niemand, niemand der mich im Arm hält. Alles versummt zu einem Pfeifen. Klingend in der Stille des abgedunkelten Raumes. Nur etwas Straßenlicht rahmt die Jalousie. Oder ist es schon Morgensonne? Ich weiß es nicht. Ich hab die Nacht aus den Augen verloren. Und mich. Irgendwo in diesem Kreisel, in diesem Drehen und Pfeifen, irgendwo dort hänge ich fest. Irgendwie muss ich da raus. Die Rotation erhöhen, bis mich die Fliehkräfte gegen die Wand werfen, die daraufhin zusammenkracht. Oder einfach stillstehen. Ruhig. Bis alles um mich herum zusammen fällt. Sich zu meinen Füßen legt. Und dann steige ich drüber. Mit glänzenden Schuhen.